Hebamme, Stillberaterin, Gynäkologin: Rund um die Geburt kümmern sich viele Fachpersonen um deinen Körper und um dein Baby. Aber wer kümmert sich um die Frau dahinter? Genau darüber habe ich mit Polina gesprochen. Sie ist Postpartum-Coach in Bern und begleitet Mütter und ihre Partner durch die Zeit nach der Geburt.
Polina und ich haben uns über unsere Arbeit kennengelernt und schnell gemerkt: Wir schauen aus zwei Richtungen auf dieselbe Lebensphase. Ich über die Ernährung, sie über die Frage, wer du nach der Geburt eigentlich bist. Deshalb haben wir uns gegenseitig interviewt. Mein Interview über Ernährung nach der Geburt findest du auf Polinas Blog. Hier kommt ihres.
Das ist Polina: Sie bietet Einzelsitzungen für Mütter und ihre Partner in der Zeit nach der Geburt an. Ihre Arbeit ist keine Therapie und keine medizinische Beratung, sondern ein ruhiger Raum ohne Bewertung: zum Reden, zum Verstanden-Werden und um im neuen Alltag wieder Boden unter den Füssen zu finden. Sie begleitet Frauen, die mit jemandem ausserhalb ihres engsten Umfelds ehrlich über Müdigkeit, Identität, ihren veränderten Körper und alles Schwer-in-Worte-zu-Fassende sprechen möchten. Und sie arbeitet mit Partnern, die verstehen wollen, was die Zeit nach der Geburt wirklich bedeutet und wie sie unterstützen können. Denn auch ihre Perspektive zählt.
Was macht eine Postpartum-Coach eigentlich?
Viele kennen Hebammen und Stillberaterinnen, aber Coaching für diese Lebensphase ist neu. Worin liegt der Unterschied, auch zur Therapie?
Postpartum-Coaching begleitet eine Frau in der Zeit nach der Geburt. Eine Hebamme kümmert sich vor allem um deine körperliche Gesundheit und das Wohlbefinden deines Babys, eine Stillberaterin unterstützt dich beim Stillen und Füttern. Eine Therapeutin arbeitet mit psychischen Belastungen, früheren Erfahrungen, Traumata oder tieferen Mustern.
Coaching ergänzt diese Unterstützung. Ich schaue auf den Menschen hinter der Rolle «Mutter»: Wer bist du jetzt? Was hat sich verändert? Was brauchst du? Was für eine Mutter, Partnerin, Frau und was für ein Mensch möchtest du sein? Was fehlt dir, und wie genau hat sich dein Leben verändert?
Manchmal brauchst du einfach einen sicheren Ort, um zu reden, zu teilen, was du gerade erlebst, und praktische nächste Schritte zu finden. Coaching hilft dir, wieder in Verbindung zu kommen: mit dir selbst, deinen Werten, deinen Beziehungen und dem Leben, das du dir in dieser Zeit gestalten möchtest.
Warum fühlen sich so viele Mütter nach der Geburt verloren?
Viele Mütter beschreiben das Gefühl, sich selbst verloren zu haben. Was steckt meistens dahinter, und wo beginnt das Wiederfinden?
Mutter zu werden kann fast jeden Bereich deines Lebens gleichzeitig verändern: deinen Körper, deine Prioritäten, deine Beziehungen, deine Zeit, deine Identität. Viele Mütter spüren, dass ihre alte Identität so nicht mehr existiert, während die neue noch nicht ganz Form angenommen hat.
Sich wiederzufinden heisst nicht, zu der Frau zurückzukehren, die du vorher warst. Es beginnt mit Neugier auf die Frau, die du jetzt bist. Was gibt dir Energie? Was ist dir wichtig? Was hast du vermisst? Welche Grenzen brauchst du? Manchmal beginnt es mit etwas ganz Kleinem: dir selbst zu erlauben, auch Bedürfnisse zu haben.
Mein Gedanke dazu: Das erlebe ich in meinen Gesprächen über Ernährung genauso. Viele Frauen essen nach der Geburt «irgendwie nebenbei», weil ihre eigenen Bedürfnisse ganz hinten anstehen. Dabei ist genau das der erste Schritt, den Polina beschreibt: dir zu erlauben, dass auch du etwas brauchst. Zum Beispiel eine richtige Mahlzeit.
Was Partner oft missverstehen und was zuhause wirklich hilft
Du arbeitest auch mit Partnern und Männern. Was verstehen sie über die Zeit nach der Geburt am häufigsten falsch?
Eines der grössten Missverständnisse ist, dass die Erholung nach der Geburt vorbei ist, sobald es der Mutter körperlich «gut geht». In Wahrheit ist Eltern-Werden für beide ein riesiger Übergang. Aber Mütter tragen oft eine viel grössere Last: die Bedürfnisse des Babys verstehen, Stillen oder Füttern, Termine, Schlaf, Haushalt und das ständige Mitdenken, was als Nächstes ansteht.
Partner möchten oft wirklich helfen, warten aber trotzdem darauf, dass man ihnen sagt, was zu tun ist. Was hilft, ist der Wechsel von «Wie kann ich helfen?» zu «Wofür kann ich die Verantwortung übernehmen?»
Das kann heissen: eine Aufgabe im Haushalt komplett übernehmen, der Mutter Ruhezeit freihalten, sich ums Baby kümmern, damit sie duschen oder aus dem Haus gehen kann, emotional nachfragen oder einfach zuhören, ohne sofort etwas lösen zu wollen.
Auch Partner brauchen Raum, um sich einzufinden, zu kommunizieren und ihre eigene Rolle zu finden. Beim Wohlbefinden nach der Geburt geht es nicht nur darum, die Mutter zu unterstützen. Es geht auch darum, die Beziehung zu stärken und ein gesünderes Miteinander in der Familie zu schaffen.
Eine kleine Sache für diese Woche
Was kann eine frischgebackene Mutter diese Woche tun, um sich wieder ein bisschen mehr wie sie selbst zu fühlen?
Mach eine Sache, die nur dir gehört. Nicht etwas, das dich zu einer besseren Mutter macht, nichts fürs Baby und nichts für den Haushalt. Sondern etwas, das dich daran erinnert, dass du immer noch du bist. Etwas, das du vor dem Baby geliebt hast.
Das kann ein Kaffee allein in deinem Lieblingscafé sein, ein Spaziergang allein, ein Podcast, ein Treffen mit einer Freundin, eine lange Dusche, ein Buch oder einfach ein paar Minuten irgendwo sitzen, ohne gebraucht zu werden.
Fang klein an. Deine Bedürfnisse sind keine Unterbrechung des Mutterseins. Sie gehören dazu, wenn du für die ganze Familie sorgst.
Wann ist der richtige Moment für ein Coaching?
Und was passiert in einer ersten Sitzung mit dir?
Einen einzigen «richtigen» Zeitpunkt gibt es nicht. Du musst nicht warten, bis du überfordert bist, und du brauchst kein konkretes Problem, um ins Coaching zu kommen. Manche Frauen holen sich schon in der Schwangerschaft Unterstützung, weil sie sich emotional auf den Übergang vorbereiten möchten. Andere kommen ein paar Monate oder sogar Jahre nach der Geburt, weil sie merken, dass sie sich schon lange an die letzte Stelle gesetzt haben.
Wenn du denkst «Ich fühle mich nicht mehr ganz wie ich selbst», «Ich weiss nicht, was ich brauche», «Ich möchte mehr Unterstützung» oder einfach «Irgendetwas muss sich ändern», dann reicht das als Ausgangspunkt.
In der ersten Sitzung höre ich mir deine Geschichte an: wie dein Leben gerade aussieht, was sich schwer anfühlt und was anders werden soll. Gemeinsam finden wir heraus, wo du Unterstützung brauchst und worauf du hinarbeiten möchtest. Von da an wird das Coaching zu einem Raum, in dem du langsamer werden, Klarheit gewinnen, wieder zu dir finden und diese Klarheit in realistische Schritte übersetzen kannst.
Wichtig: Wenn du über längere Zeit sehr niedergeschlagen bist, dich kaum noch freuen kannst oder belastende Gedanken hast, sprich bitte mit deiner Hebamme, deiner Frauenärztin oder deinem Hausarzt. Das kann eine postpartale Depression sein, und dafür gibt es gute Hilfe. Coaching ersetzt keine medizinische oder therapeutische Behandlung.
Mehr über PolinaPolina begleitet Mütter und Partner online, auf Englisch und Italienisch (Deutsch folgt bald). Das erste Kennenlerngespräch ist kostenlos und unverbindlich.
Zu Postpartum & BeyondUnd wenn du nach der Geburt spürst, dass dir beim Essen die Energie fehlt oder du dich selbst ganz hinten anstellst: Genau dabei begleite ich dich. Ohne Kalorienzählen, ohne Verbote, ohne schlechtes Gewissen. Hier liest du, was dein Körper im ersten Jahr nach der Geburt wirklich braucht.
